Udo erzählt…
Erzählt von RockRebell
Wir schrieben das Jahr 1999 - hey, das war im letzten Jahrtausend!
Ich hatte gerade mehr oder weniger (eher weniger) geschickt mit meiner Freundin “Schluss gemacht” und jede Hoffnung aufgegeben, jemals die “Frau für´s Leben” zu treffen.
Wohin hätte ich sie auch treffen sollen?
Meine Stimmung war recht ausgeglichen, ich fühlte mich frei, gut, gross, stark, und vorallem potent. Ha!
Die Jahrtausendfeier war ein voller Erfolg, ich war betrunken, sie war es auch, und für einige Tage war alles schön. Meine neugewonnene Freiheit wollte ich nicht so schnell wieder hergeben - hatte ich mich doch mit dem Schicksal als ewiger Junggeselle abgefunden und lebte mein Leben.
Das Internet war gross und weit, und ich war jeden Tag bereit. Ich schrieb Texte, Gedichte, zockte am PC, ging arbeiten, verdiente mein Geld, schleppte Mädels ab, und betrank mich.
Eigentlich ein sinnerfülltes Leben für einen 30jährigen. Mein Auto war schnell und schick und metallic-blau. Ich hatte eine Eigentumswohnung, die bald abbezahlt war, und der Umzug meiner Ex war recht gut über die Bühne gegangen.
“Man traf sich ab und zu noch”.
Und doch… Irgendwie fehlte etwas in meinem Leben, das ich suchte, und von dem ich nicht wusste, was es war.
Es war diese Sehnsucht. Dieser Schmerz im Herzen, den Du vielleicht kennst, wenn du Liebenden begegnest, die nicht nur Arm in Arm einhergehen, sondern deren Augen diesen Ausdruck haben, der nichts mit VERliebt sein zu tun hat.
Blicke ich heute zurück, dann ist mir klar, dass ich mich damals nach einer erneuten, schmerzhaften Ent-Täuschung einfach betäubt hatte.
Ich stand nicht still, ich wollte nicht zur Ruhe kommen, und Beschäftigung gab es genug.
So ging es, bis ich eines Tages “mal wieder” vor meinem PC hockte, und per Suchschamane, äh, Suchmaschine neue Jagdgründe suchte. Eine Chatcommunity. Ich klickte irgendeinen Link an, machte ein Konto mit dem Nicknamen RockRebell und betrat irgendeinen Raum.
Ein Blick auf die Anwesenheitsliste verriet mir - da gab es Mädels. Namen wie “Anne75″ oder “MausiW” oder “BlondeW90-80-90″ sprangen mir entgegen, und unter E begegnete mir ein Namen… Egofrau.
Egofrau?
Egofrau?
Frau..? Ego..? *stutz*
“RockRebell setzt sich erstmal auf die Couch und dreht sich eineN”
Die virtuellen Möglichkeiten, gepaart mit einer guten Portion Phantasie lassen keine Wünsche offen, und meine Taktik war klar. SIE sollte dem Rauchen nicht abgeneigt sein.
“Egofrau setzt sich daneben und schaut interessiert zu”
Aha..? Interessant, das dürfte ein netter Abend werden, dachte ich mir. Es war Mitwoch.
Ich weiss nicht mehr, worüber wir geschrieben haben, und es ist auch völlig unwichtig. Was ich weiss ist, dass ich alle Gedanken an einen OneNightStand abgelegt hatte und mich hier mit jemandem unterhielt, mit dem ich REDEN konnte. Der - besser gesagt, DIE genauso drauf war wie ich. Und da war es wieder… Diese seltsame Sehnsucht nach etwas, von dem ich nicht wusste, was es war, und von dem ich überzeugt war, es nur im Tod zu finden.
Wir verabschiedeten uns irgendwann, und der nächste Tag verging, ohne dass mir eine Minute lang EGOFRAU aus dem Kopf gegangen wäre.
Der Feierabend kam, und - wie immer - war meine erste Tat, als ich zuHause war, die Dose einzuschalten.
Rein in den Chat, rein in den Raum.
“Hi allerseiz. Hallo Egofrau :-)”
“Hi Rock! *freu*”
“*knuddl*”
“*reknuddl*”
Und wieder chatteten wir bis spät in die Nacht, es war Donnerstag, das Wochenende war nah und ich hatte keine Ahnung, was ich tun würde.
“Hast Du Lust auf ´ne Spontanaktion, Rock?”
“Immer doch ;-)”
“Ich bin morgen Abend bei ´nem Motorradtreffen, hast Du Lust?”
“Ich hab aba nur´n Roller, ´ne Honda Shadow”
“Das sehen die nicht so eng da”
“Ja dann. Wo muss ich hin?”…
Es war Freitag. Der Tag war lang, der Abend kam, und ich hockte mich auf meine Kiste und fuhr los.
Den Anfahrtsweg hatte ich, und so knatterte ich nach Untereschbach, im schönen, Bergischen Land. Nachdem ich mich erstmal völlig verfahren hatte, weil ich aus der falschen Richtung gekommen war, und eigentlich schon aufgeben wollte, kam mir die Gegend plötzlich “irgendwie” bekannt vor.
Ich rollte an einem Gasthaus vorbei, vor dem viele Motorräder standen und viele lustige Menschen feierten. Aha.
Umdrehen, Roller aus und hin zu der Runde.
“Hi, ich bin der RockRebell.”
“namp´hallo´moin´hi´grüss´dich…”
“Hi, ich bin die Egofrau!”
Was hatte ich erwartet? Ich hatte vorher kein Bild von Egofrau gesehen, und hatte mir - entgegen meiner üblichen Angewohnheit - auch kein Bild von ihr gemacht. Da sass auf jeden Fall keine “heisse Braut”, was mich im ersten Moment ENT-Täuschte.
Ich weiss nicht mehr, was ich empfunden hatte, denn ich wurde von einem Menschen angesprochen, der mich fragte:
“Ist das Dein Roller?”
“Ja, Honda Shadow…”
“Au prima, die bauen gleich mal um. Hol mal die Flex.”
Äh… ???
Na gut, Motorradfahrer eben.
Ich setzte mich und bestellte ein Bier.
Ab und zu wechselte ich ein paar Worte mit den anderen Anwesenden, in der Hauptsache redete ich mit Egofrau, die, wie ich erfuhr, Johanna hiess. Nee, immer noch heisst.
Nach einigen Stunden packten die ersten Feiernden zusammen und brachen auf, um nachHause zu fahren.
Johanna fragte mich, ob ich bei ihr pennen wollte, weil ich getrunken hatte und der Weg nach Troisdorf ein recht langer war. Die Entscheidung fiel mir nicht sehr schwer, und so rollte ich hinter ihrem Auto her, bis wir an ein kleines Backsteinhaus auf einem Berg kamen.
“Schöne Gegend hier”, dachte ich.
Als wir in das Haus gingen, war mein erster Eindruck und mein erster Gedanke:
“Oh Shit, ´ne Baustelle…”
Und in meinem Kopf entstanden Bilder von einer Frau, die alleine lebt und jemanden sucht, der hier mit anpacken kann.
Äh, nee, also DARAUF würde ich mich GARANTIERT NICHT einlassen, schwor ich mir. Nicht schon wieder. Nicht schon wieder jemand, der mich als Arbeitskraft ansieht. Der werd ich helfen…
Aber diese Bilder verschwanden recht schnell wieder. Wir gingen in den Wintergarten, wo Johanna auf dem Boden auf einer Matratze schlief. Das fand ich dann mal geil, denn eine Matratze lehnte an der Wand und so diente diese einfache Konstruktion als sehr bequemes Sofa.
“Eigentlich” hatte ich geplant, dann am nächsten Morgen wieder aufzubrechen, und so war es auch “eigentlich” abgesprochen.
Wir sassen zusammen, rauchten, und fingen an zu reden. Und wir redeten, hörten Musik, redeten, rauchten, tranken Tee…
Und da war es wieder, diese Sehnsucht, dieser Schmerz in meinem Herzen, den ich nicht verstand, von dem ich nicht wusste, wonach ich mich sehnte. Dieser Abend war einfach nur schön. Genau wie die Nacht. Und der nächste Morgen.
Johanna machte uns Cappucchino zum Frühstück - was gab es eigentlich zu essen, ich weiss es nicht mehr..?, und wir machten mit unserem Gespräch da weiter, wo wir in der Nacht aufgehört hatten.
So verging auch dieser Tag, und wir redeten. Wir redeten, philosophierten, rauchten, hörten Musik, tranken Tee, redeten… Bis es wieder Nacht wurde, und der Sonntag kam.
“Jetzt muss ich aber wirklich los, nach dem Cappucchino”, sagte ich.
Tja. Wir philosophierten, rauchten, hörten Musik, tranken Tee… Es wurde Nacht, und ich bat Johanna, den Wecker zu stellen, weil ich am Morgen definitiv los musste, weil die Arbeit rief.
Johanna ging selber arbeiten, und so verbrachten wir die vorläufig letzte Nacht miteinander, bis der Morgen kam und wir uns lange bei einer letzten Tasse Cappucchino philosophisch tiefsinniger Liebe verabschiedeten…